Im Vorfeld des Finals der UEFA Champions League 2012 hatte unser Young Journalist Jan die Gelegenheit, sich mit dem ehemaligen Nationaltorhüter Jens Lehmann zu unterhalten. Herausgekommen ist ein spannendes Gespräch über die Kleinigkeiten im Fussball und Lehmanns große Schwäche am PlayStation-Controller.
Young Journalist: Es ist sehr beeindruckend, was die UEFA und Sponsoren wie PlayStation im Vorfeld eines solchen Finales aufbauen und vor allen Dingen auch, wie die Fans so ein Spiel tagelang zelebrieren. Als Profi hat man vor dem Spiel natürlich andere Dinge im Kopf. Hat man überhaupt eine Ahnung davon, was hier alles passiert?
Jens Lehmann: Ich sehe heute zum ersten Mal, dass es sowas überhaupt gibt. Man sieht zwar was im Stadion passiert, von den Dingen drumherum bekommt man aber eigentlich gar nichts mit. Ich finde, dass das auch gerade für die Londoner-Fans eine tolle Sache ist. München ist eine schöne Stadt. Die Fans können hier ein oder zwei Tage vorher anreisen und diese Atmosphäre genießen. Sie trinken ja auch ganz gerne mal deutsches Bier und essen das deftige Essen. Das ist schon eine tolle Sache.
Sie hatten eine sehr erfolgreiche Karriere die in der Champions League aber einen unschönen Makel genommen hat. 2006 spielten Sie mit Arsenal ein sehr unglückliches Finale, sind früh mit Rot vom Platz gestellt worden und haben das Spiel letzlich verloren. Hängt ihnen das nach?
Ja, das hängt mir leider sehr nach und zwar deswegen, weil ich es nicht mehr gutmachen kann. Im Nachhinein frage ich mich immer, warum der Schiedsrichter mich runtergestellt hat. Er hätte ja auch einfach das Tor geben können. Aber naja, Fussball ist eine schnelle Sache, da muss man Entscheidungen innerhalb von Bruchteilen von Sekunden treffen. Trotzdem: Ich kann es leider nicht mehr gutmachen. Vielleicht werde ich irgendwann mal Trainer und habe dann die Möglichkeit, diesen Makel zu beseitigen.
Es gibt einen anderen großen europäischen Vereinstitel den Sie schon ganz früh in ihrer Karriere gewonnen haben...
Ja, der UEFA Cup 1997 mit Schalke. Der macht vieles wett für mich. Damals war der UEFA Cup ein wirklich toller Wettbewerb weil nur die nationalen Meister in die Champions League kamen und alle anderen Clubs um diesen Cup spielen mussten. Heute ist er immer noch attraktiv, damals war er aber schon noch etwas hochwertiger. Ich habe damals mit einem Europa Cup-Gewinn meine Titelsammlung gestartet, ich hätte sie aber auch gerne noch mit so einem Titel abgerundet.

Der Titel 1997 hat nicht nur ihnen viel bedeutet, sondern auch der Stadt Gelsenkirchen. Sie sind nun aber Profi und schauen auf ihre eigene Karriere. Wie viel Bedeutung haben die Fans für Sie?
Ohne die Fans macht es natürlich gar keinen Spaß. Wenn ein Spieler sich einen neuen Verein sucht, dann achtet er immer auch darauf, welcher Club der Traditionsreichste ist, welcher Club immer eine große Fanbasis bietet. Ich hatte in meiner Karriere das Glück, immer dort spielen zu können, wo viele und auch tolle Fans waren und wo der Fussball auch wirklich wichtig war. Das habe ich sehr genossen.
Sehen Sie Vereine wie Hoffenheim im Umkehrschluss dann eher kritisch?
Nicht kritisch, nein. Man muss ja immer auch die Leistung honorieren, die dort geliefert wird. Hoffenheim mag jetzt noch nicht auf so eine große Tradition zurückblicken, aber wer weiß, wie das in 100 Jahren aussieht. Aber es ist natürlich etwas anderes wenn man bei Bayern München, Schalke, Dortmund, Hamburg oder auch Stuttgart spielt. Die haben alle eine gewachsene Fangemeinschaft. Als Spieler macht einem sowas einfach mehr Spaß. Der Druck ist aber natürlich auch größer.
Beim Finale der UEFA Champions League 2012 treten zwei international sehr hoch angesehene Torhüter gegeneinander an. Sehen sie Unterschiede zwischen Manuel Neuer und Petr Cech?
(überlegt) Ja, schon. Petr verfügt über mehr Erfahrung, was sehr wichtig ist. Manuel Neuer hat die Fähigkeit, an einem tollen Tag außergewöhnlich gut zu halten, das ist bei Cech aber nicht anders. Ohne ihn wäre Chelsea nicht ins Finale gekommen. Gerade gegen Barcelona hat er zwei Mal sehr gut gehalten. Neuer fand ich bislang in den Begegnungen, die er im Elfmeterschießen entscheiden musste, unschlagbar. Beim Spiel am Samstag sieht die Sache aber etwas anders aus [Da zeigt sich der Experte. Leider richtig gelegen, Jens! (Anmk. der Red.)].
Mit Cech kommt jemand, der selbst auch schon einige Elfmeterschießen entschieden hat, der aber auch noch ein Stückchen größer ist als Neuer. Man mag es kaum glauben, aber die Größe ist so wichtig beim Elfmeterschießen. Wenn man als Spieler gegen einen Torhüter schießt, der vielleicht 1.80m groß ist, dann denkt man sofort: "Dem hau ich jetzt einen rein.". Wenn im Tor aber jemand steht, der 1.95m oder noch größer ist und der breitet dann die Arme aus, dann wird das Tor ganz plötzlich verdammt klein. Man gelangt dann mit seinem Arm ja auch noch viel schneller in die Ecke. 10 cm machen da einen großen Unterschied. Bei Casillas gegen Robben hat man das gut gesehen. Wenn Casillas etwas größer ist, hält er den Elfmeter.

Neuer selbst sagt immer wieder, dass er sich in der Schalker Jugend sehr viel von ihnen abgeschaut hat. Eine Sache, die bei ihnen beiden auffällt ist, dass Sie und Neuer sehr viel Action vor dem Elfmeter betreiben. Da wird mit dem Schützen geredet, es wird moniert, bei ihnen redet man auch gerne von einem Zettel im Stutzen... Wie viel machen diese Psychospielchen aus? Kommt es darauf an?
Bislang hat der Erfolg ihm bei allem was er gemacht hat Recht gegeben. Der Zettel damals war aber kein psychologisches Spielchen. Mir war damals überhaupt nicht klar, dass das so einen Eindruck auf die Argentinier bei der WM 2006 machen würde. Für mich waren das wichtige Informationen. Ich konnte mir so schnell nicht merken, wer da wohin schießen würde. Ich habe später mal ein paar Argentinier getroffen, die haben mir gesagt, dass das nicht korrekt war, weil es Voodoo gewesen wäre.
Es gab ja auch mal das Gerücht, dass auf dem Zettel gar nichts gestanden hätte...
Doch, doch, da stand eine ganze Menge drauf. Der letzte Schütze stand nicht drauf, aber ansonsten stand da sehr viel.
Es ist aber eines ihrer Merkmale, dass Sie sehr analytisch arbeiten. Da geht es nicht nur um Informationen über die Schützen beim Elfmeter. So haben Sie mal gesagt, dass Sie sich zum Beispiel viele Notizen über das Training von Arsene Wenger gemacht haben. Verarbeiten Sie immer noch so viele Informationen?
Ja klar. Das ist wichtig. Ich schreib mir Vieles auf, oft Kleinigkeiten. Im Spitzenfussball entscheiden die Kleinigkeiten. Die großen Dinge kann jeder richtig machen, aber auf die Details kommt es an. Warum ist zum Beispiel Barcelona gerade so gut? Was machen die anders als andere? Oder was kann Bayern oder Chelsea besonders gut? Ich glaube, es ist sehr wichtig, sich so etwas aufzuschreiben.

Wofür?
Wenn ich vielleicht mal selbst Trainer werden will. Das ist eine Option. Im Moment macht mir das Spaß. Ich war bei einem Trainerlehrgang und dort war einer der Redner Rafa Benitez. Der hatte sich einen ganzen Nachmittag für uns Zeit genommen. Das war wirklich sehr interessant. Aus seinen Beschreibungen wurde deutlich, welcher Arbeitsaufwand hinter so einem erfolgreichen Trainer steckt. Wenn ich die Detailkenntnisse von ihm, und die Daten die er verarbeitet, mit dem vergleiche, was ich mache, bin ich da ein Waisenknabe gegen. Wenn ich aber mal Trainer werden sollte, dann müsste ich mich auf diesem Niveau bewegen. Das ist sehr harte Arbeit.
Haben ihre Kids eine PlayStation 3?
Ja klar, allerdings schon reglementiert. Wenn sie eigentlich ihre Schulaufgaben machen müssten und stattdessen aber vor der Konsole sitzen, gibt es schon eine Ansage. Aber ich informier mich schon über die Spiele und versuche meine Kinder da hin zu bringen, dass sie, wenn Sie spielen, eher qualitativ gute Spiele, zum Beispiel Strategiespiele, spielen.

Nutzen Sie denn dann die Gelegenheit, wenn die Kids zu den Schulaufgaben geschickt wurden, auch mal, um selbst ein bisschen zu zocken?
Ich kann das nicht sehr gut. Ich habe mir mal eine Ausgabe von Call of Duty geholt, weil ich mal sehen wollte, wie das ist. Ich habe dann eine halbe Stunde gespielt und war fix und fertig weil ich einfach nicht zurecht kam.
Haben Sie denn nie mal in einem älteren FIFA sich selbst gespielt?
Dazu hat mir leider immer die Zeit gefehlt.
Weitere tolle Eindrücke zum UEFA Champions League Wochenende findest du im Fotobereich unserer Facebook-Seite.
| Datum: | 24/05/12 |
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| Kategorie: | News |
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